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Friedrich CERHA


Biografie

1926 wurde Friedrich Cerha am 17. Februar in Wien geboren. Mit 6 Jahren begann er Geige zu spielen; seine ersten Kompositionen schrieb er 1935 - 37 und erhielt über eigene Initiative Unterricht in Kontrapunkt und Harmonielehre. Noch vor Beendigung des Gymnasiums wurde er 1943 zur Wehrmacht einberufen, kam aber in Dänemark in Kontakt zur dortigen und später zur deutschen Widerstandsbewegung, die ihn beim Verlassen des Militärschützte.
1945 lebte er als Bergführer in Tirol. Ende des Jahres kehrte er - zunächst ungern - in akademische Ordnungen zurück.
Ab 1946 studierte er in Wien an der Akademie für Musik Komposition (Alfred Uhl), Geige (Vasa Prihoda) und Musikerziehung, an der Universität Germanistik, Musikwissenschaft und Philosophie.
1950 Promotion zum Dr. phil., 1950 - 53 Abschluß der Musikstudien. In dieser Zeit intensivierte sich Cerhas Kontakt zum von avantgardistischen Malern und Literaten dominierten "Art-Club" und - was für seine künstlerische Entwicklung von besonderer Bedeutung war - zur IGNM, in der ihm Josef Polnauer wesentliche Analyse- und lnterpretationshinweise zu Werken der Wiener Schule gab.
Ab 1956 nahm Cerha an den Darmstädter Ferienkursen teil. Als Geiger besuchte er dort auch Kurse von Rudolf Kolisch und Eduard Steuermann, zwei weiteren intimen Kennern des Musizierideals der Schönberg-Schule. Cerha war in diesen Jahren als Konzertgeiger und Musiklehrer tätig.
1957 Rom-Stipendium
1958 gründete er zusammen mit Kurt Schwertsik das Ensemble "die reihe" zur Schaffung eines permanenten Forums für neue Musik in Wien. Es leistete in der Folge Pionierarbeit bei der Präsentation neuer Werke, aber auch der Musik der Klassischen Moderne, vor allem der Wiener Schule und erwarb bald internationale Anerkennung.
Ab 1959 war Cerha Lehrer an der Hochschule für Musik in Wien. 1976 - 88 war er dort Professor für Komposition, Notation und Interpretation neuer Musik".
Ab 1960 profilierte sich Cerha zunehmend als Dirigent (Ensemble, Orchester, Oper). Er arbeitete regelmäßig für die bedeutendsten Institutionen zur Pflege neuer Musik, große internationale Festivals und Opernhäuser, u. a. Warschauer Herbst, Prager Frühling, Biennale Zagreb, Biennale Venedig, Holland-Festival, Salzburger Festspiele, Wiener Festwochen, Berliner Festspiele, Deutsche Oper Berlin, Teatro Colon Buenos Aires, Concertgebouw-Orchester Amsterdam, Berliner Philharmoniker, Cleveland Orchestra, Lincoln Center New York.
Ab 1962 Beschäftigung mit der Herstellung des III. Aktes der Oper "LuIu" von Alban Berg. Uraufführung der integralen Fassung 1979 in Paris.
1970/71 Stipendiat des DAAD Berlin
1978 Begründung eines weiteren Konzertzyklus ,Wege in unsere Zeit&" in Wien, den Cerha bis Herbst 1983 leitete. Dann übergab er die Leitung des Ensembles "die reihe" an HK Gruber und Kurt Schwertsik.
1981 Uraufführung des Musiktheaterstücks Netzwerk bei den Wiener Festwochen und Uraufführung der Oper Baal bei den Salzburger Festspielen und Folgeaufführungen an der Wiener Staatsoper.
1987 Uraufführung der Oper Der Rattenfänger beim Steirischen Herbst in Graz und Folgeaufführungen an der Wiener Staatsoper.
1989 Hauptkomponist beim Festival Wien Modern"
1996 Uraufführung des Auftragswerks Impulse für Orchester durch die Wiener Philharmoniker. Zahlreiche Konzerte zum 70. Geburtstag im In- und Ausland, u. a. Konzerthaus Wien, Projekt Friedrich Cerha mit sieben Konzerten bei den Salzburger Festspielen, Spiegel-Aufführung bei den Berliner Festspielen.
1997 Auftrag der Wiener Staatsoper zur Komposition der Oper Der Riese vom Steinfeld" (Libretto: Peter Turrini).
1998 Uraufführung des Auftragswerks Konzert für Violoncello und Orchester bei den Berliner Festspielen durch Heinrich Schiff und die Berliner Philharmoniker, Leitung: Michael Gießen.

mit 7 Jahren erster Violinunterricht (Anton Pejhovsky), mit 9 Jahren erste Kompositionen; Realgymnasium in Wien, 1939 Harmonielehre und Kontrapunkt an einer Musikschule der Stadt Wien, 1946 Uni Wien: Germanistik, Musikwissenschaft, Philosophie, Promotion zum Dr. phil. 195o; 1946 MH5 Wien: Musikerziehung, Abschluß 1950, Komposition (Alfred Uhl), Violine (Gottfried Feist, Vaß¡a Prihoda), Reifeprüfungen 1953; intensive Kontakte zur IGNM und Josef Polnauer sowie dem Art Club in Wien, 1953 Kompositionsseminar bei Joseph Matthias Hauer, 1956 1958 Darmstädter Ferienkurse (Rudolf Kolisch, Eduard Steuermann)

Stil

Friedrich Cerha: Zum Werk

Nach Kriegsende hat sich Cerha zunächst mit dem im Konzertleben und Unterrichtsbetrieb vorherrschenden Neoklassizismus auseinandergesetzt (das 1947/1948 geschriebene, 1954 überarbeitete Divertimento ist eine Hommage an Strawinsky). Später wurden die Werke Anton Weberns und ab 1956 die seriellen Techniken der Avantgarde zu Ausgangspunkten für weitere selbständige kompositorische Entwicklungen (Relazioni fragili, Espressioni fondamentali, Intersecazioni).

Mit Mouvements, Fasce und seinem Spiegel-Zyklus (1960/1961) hat er sich eine von traditionellen Formulierungen gänzlich freie Klangsprache geschaffen. Sie unterscheidet sich von scheinbar Ähnlichem in gleichzeitig und unabhängig davon entstandenen Werken von Ligeti oder Penderecki vor allem dadurch, daß faßbare Entwicklungsvorgänge eine entscheidende Rolle spielen und im Verein mit nicht-linearen Prozessen großformale Zusammenhänge stiften, die das Gesamtwerk zu einem kohärenten System, zu einer Art Kosmos werden lassen. Im bisher nicht realisierten "Welttheater"-Konzept zu den Spiegeln entsprechen quasi aus raum-zeitlicher Distanz betrachtete Verhaltensweisen der Masse "Mensch" den musikalischen Vorgängen in Massenstrukturen. Im Bühnenstück Netzwerk, auf der Basis der bewußt heterogenes Material einbegreifenden Exercises (1962 1967) entstanden, wechseln die Perspektiven zwischen Massenreaktionen und wie unter dem Mikroskop herangezogenen Individualbereichen. Stilistisch und strukturell regressive Elemente brechen in eine puristische Klangwelt ein und schaffen komplexe Verhältnisse von Störung und Ordnung in einem Organismus, der dem Bild einer "Welt als vernetztes System" entspricht.

Nach einer Reihe von Instrumentalwerken, die im Interesse einer Erweiterung des ihm verfügbaren Materials direkten Bezug auf historische Idiome nehmen (Curriculum, Sinfonie), sind in der Oper Baal (1974-1980) alle bisher erreichten Strukturformen nahtlos ineinander verwoben. Der einzelne tritt nun provokant ins Zentrum des Interesses, aber die Palette reicht von spiegelähnlichen Klangfeldern, die für Urgrundhaftes stehen, bis zu eindeutig artikulierten melodisch-harmonischen Gestalten, in denen sich das differenzierte Beteiligtsein des Individuums. In der Oper Der Rattenfänger werden zusätzlich vor allem polyrhythmische Bildungen mit leitmotivischer Bedeutung für Aufruhr und Unruhe integriert.

Eine Wiederaufnahme von Auseinandersetzungen mit verschiedenen Formen von Folklore, schon im Frühwerk feststellbar, bezieht sich in kleineren Arbeiten wie den Keintaten (nach Ernst Kein) und Chansons (u. a. nach Texten der Wiener Gruppe) auf eine Stilisierung und Verfremdung des Wiener Idioms. In den zum Teil mikrotonalen Streichquartetten verstärken hingegen Einflüsse aus außereuropäischer Musik die Tendenzen zu polyrhythmischen und -metrischen Bildungen. Die letzten Werke (Langegger Nachtmusik III, Drittes Streichquartett) bestätigen erneut, daß Cerhas - schon 1962 einsetzendes - Interesse bleibt, eine Vielfalt von heute Erfahrbarem in komplexen musikalischen Organismen zu bewältigen.

Gertraud Cerha, 1996
© mica

Nach der Auseinandersetzung mit dem Neoklassizismus, der Wiener Schule, seriellen Techniken und einer eigenständigen Anwendung der letzteren um 1960 Entwicklung einer von traditionellen Formulierungen völlig freien Art der Klangkomposition. In folgenden Werken erneute Beschäftigung mit Qualitäten der europäischen Tradition, aber auch mit der Musik außereuropäischer Kulturen mit dem beständigen Bestreben, eine Vielfalt von Erfahrungen in komplexen musikalischen Organismen zu bewältigen.

Publikationen

Musikdramatische Werke: Spiegel I–VII (UA 1979 Graz), Netzwerk (UA 1981 Wiener Festwochen), Baal (UA 1981 Salzburger Festspiele), Der Rattenfänger (UA 1987 Steirischer Herbst Graz), Der Riese vom Steinfeld (UA 2002 Staatsoper Wien), Orchesterwerke und Instrumentalkonzerte (Violine, Violoncello, Saxophon, Posaune, Schlagzeug), Ensemblestücke, Kammermusik, Chorwerke, Lieder

Aufträge vieler internationaler renommierter Institutionen, Aufführungen in aller Welt, Rundfunk- und Fernsehaufnahmen (Portraitfilm: http://felixbreisach.at)

Zahlreiche Tonträgeraufnahmen: Cerha-Dokumente (12 CDs ORF Edition Zeitton), col legno, ECM u. v. m.

Verlage: Universal Edition, Doblinger, edition modern

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